Noten und Selbsthass

Ich habe ständig Angst, nicht zu bestehen, bei Prüfungen, bei meinen Mitmenschen, aber am meisten vor mir selbst. Was für manche vielleicht absurd klingen mag, verstehen andere dafür leider umso besser. Das Gefühl, nie gut genug zu sein, ständig zu versagen, kann einen schon ziemlich runterziehen. Besonders Noten üben einen imensen Druck auf mich aus. Obwohl ich, rational betrachtet, in der Schule immer sehr gute Noten in den Klausuren hatte, nicht selten unter den Besten in der Klasse war. Auch im Studium scheint es – bis jetzt (ich habe erst wenige Noten erhalten) – auch in keiner Vollkatastrophe zu enden. Und dennoch machen sie mir Angst.

Es geht schon bei den Prüfungen an sich los. Ich lerne immer recht viel, verbringe viel Zeit mit dem Lernen und setze mich intensiv mit dem Stoff auseinander. Dennoch habe ich direkt vor Prüfungen immer sehr starke Angst, sie nicht gut zu absolvieren. Ich reagiere körperlich auf solche Situationen. In den Prüfungen selbst läuft jedoch dann meistens alles wie am Schnürchen. Nach den Klausuren dann erstmal Erleichterung. Der ganze Druck fällt ab. Dennoch erinnert mich ein leises Stimmchen im Hinterkopf ständig daran, dass die Bewertung ja noch aussteht. Wenn es dann so weit ist, in der Schule die Lehrer die Rückgabe ankündigen oder der Dozent eine Mail über die hochgeladenen Ergebnisse verschickt, kommt der ganze Druck wieder. Ich habe dann totale Angst vor dem Ergebnis, da ich schon vorher weiß, dass ich sowieso nicht zufrieden sein werde, was ich dort sehe.

Die Angst, durchzufallen, aber noch schlimmer die Angst, wieder vor mir selbst versagt zu haben, schnürt mir jedes Mal die Kehle zu. Ein großer Kloß im Hals, am liebsten würde ich einfach wegrennen wollen, ich möchte meine Note gar nicht erfahren. Im Endeffekt schaue ich dann aber doch nach (oder lasse für mich schauen).

Meine erste Reaktion ist auch meistens recht positiv, ich schaffe es wenige Minuten, mein Ergebnis durch normale Augen zu sehen, mich auch zu freuen. Aber sehr schnell meldet sich dann wieder das leise Stimmchen im Hinterkopf. Und dort kommt dann meist auch sehr schnell der Selbthass ins Spiel. „Du hast versagt. Bist nichts wert. Du solltest dich schämen. Hättest du dich mal mehr angestrengt. Wie willst du so jemals dein Studium (bzw. Schule) schaffen? Du bist zu faul, hast es nicht anders verdient. Bist nichts wert. Du wirst niemals gut genug sein. Schämen solltest du dich.“ Diese und noch viele weitere Sätze schwirren mir dabei durch den Kopf. Es tut weh, sehr weh. Auch dies zu schreiben fällt mir nicht leicht. Die Gedanken drehen sich immer weiter, bis ich irgendwann, früher oder später, weinend im Bett liege und mich für minderwertig halte – wegen einer Note. Ich weiß, das klingt bescheuert. Ist es vermutlich auch.

Man muss dazu sagen, ich leide schon länger unter meinem Selbsthass, erklären kann ich ihn mir nicht wirklich, ich habe nie etwas negatives von anderen gesagt bekommen. Meine Eltern waren über keine einzige Note, die ich nach Hause gebracht habe, enttäuscht. Im Gegenteil. Sie wussten, dass ich mich bemüht habe. Ich habe nie auch nur einen negativen Kommentar über meine Noten gehört. Und dennoch schäme ich mich für meine Noten. Hier ist es auch egal, was es für Noten sind. Selbst wenn ich 15 Punkte (das maximale, was erreicht werden kann, in Dezimalnoten eine 0,7) erreiche, schäme ich mich für sie und denke, sie wurde mir geschenkt oder derjenige, der bewertet hat, hat einfach sehr sehr großzügig und unfair bewertet. Rational gesehen, weiß ich, dass ich mich eigentlich darüber total freuen sollte. Diese Freude hält dann für wenige Minuten auch an. Was jedoch das schlimme an diesen (wie gesagt eigentlich absolut super) Noten ist, ist, dass ich anfange, vergangene und nachfolgende Klausuren mit dieser zu vergleichen. Ein Druck, ich habe die 15 Punkte schon einmal erreicht, es ist möglich, wenn ich nur genug dafür tue. Und dann starten wieder die selbsthassenden Gedanken. Bei „schlechteren“ Noten ist es dann eben noch schlimmer. Selbst wenn super viele durch die Klausur fallen, bin ich mit einem „befriedigend“ eben nicht zufrieden. Ich erwarte mehr von mir und habe mich dann eben wieder enttäuscht. Mir selbst kann ich nie gerecht werden. Ich finde immer etwas an mir auszusetzen. Langfristig gesehen macht es mich fertig, es tut weh, sich selbst sowas anzutun, vielleicht versteht mich ja der ein oder andere. Aber aufhören kann man damit auch nicht so einfach. Dennoch arbeite ich, demnächst hoffentlich mit professioneller Unterstützung, eben auch an diesem Problem. Wenn du also auch solche oder ähnliche Gedanken und Gefühle kennst, dann sei dir bewusst, du bist nicht allein damit. Ich glaube, es gibt noch eine große Menge Menschen da draußen, die genau wie du und ich denken. Die es ebenfalls nur nicht zeigen.

Ich rede nicht gerne mit anderen Menschen über meine Gefühle, über diese Seite von mir sowieso nicht. Meine Mutter weiß in Grundzügen von meiner Unzufriedenheit über Noten, nicht jedoch von meinem Selbsthass. Über die Jahre hinweg habe ich es perfektioniert, meine Gedanken und Gefühle zu verbergen. Der einzige Mensch, der diese Seite von mir kennt, ist mein Freund, der sowieso alles von mir weiß. Er kennt mich in- und auswendig, wie niemand anders. Ich bin ihm so dankbar, dass er mich bei all dem Mist so unterstützt und er, obwohl es manchmal echt nicht leicht ist mit mir, immer noch an meiner Seite ist. Das muss wohl diese Liebe sein, von der alle sprechen. Ich bin so froh, ihn zu haben, einen Anker, an dem ich mich festhalten kann, der mir hilft, für mich da ist. Mich ermuntert, Hilfe anzunehmen. Es tut gut, zu wissen, dass da immer jemand hinter dir steht und dich auf deinem Weg begleitet, egal wie steinig er auch sein mag. Ich hoffe, du hast in deinem Leben auch so einen Menschen gefunden.

Für dieses Semester steht noch eine Note aus, dann habe ich erstmal wieder Ruhe bis Juli. Auch wenn ich jetzt schon Angst vor dieser habe, ich freue mich, wenn ich für das erste damit durch bin und wieder ein paar Monate sich nicht alles um Noten dreht. Ironischerweise schreibe ich derzeit eine Hausarbeit über Notenvergabe und notenfreies Lernen an Montessori-Schulen. Bis jetzt ein wirklich sehr interessantes Thema, vielleicht schaffe ich es durch die intensive Auseinandersetzung mit ihm auch, mit meinen eigenen Noten etwas lockerer und entspannter umgehen zu können.